Skip Navigation LinksArtikelAnzeige

Interview: Startups und Verwaltung

Interview mit Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V.

Florian Nöll ist Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups

Berlin gilt als die Startup-Hauptstadt. Welches Milieu begünstigt die Ansiedlung von Startups?

Darauf gibt es eine historische und eine aktuelle Antwort. Historisch bildet Berlin ein kreatives Milieu mit einigen Hunderttausend Studierenden aus aller Welt. Dazu kommt der Ruf der Stadt als Anziehungspunkt für Freigeister und ein besonderes Lebensgefühl. Das ist noch immer so. Aktuell haben wird hier rund 3000 Startups mit mehr als 100.000 Beschäftigten. Damit ist Berlin auch zum Anziehungspunkt für die nächste Unternehmergeneration geworden. Die meisten Gründungen gibt es generell in Städten mit einer guten Technischen Universität.

 

Wird dies seitens der Berliner Politik unterstützt?

Diese Entwicklung passiert trotz der Politik und nicht wegen der Politik. Seit Jahren erhoffen wir uns Verbesserungen, die nicht passieren. Beispielsweise kommt jeder zweite Mitarbeiter in Berliner Startups nicht mehr aus Deutschland, das ist inzwischen sogar erfolgskritisch. Dennoch finden wir eine Verwaltung vor, die nicht in der Lage ist, auf Englisch zu kommunizieren. Ganz anders in München, wo es englischsprachige Formulare gibt und auch englischsprachige Mitarbeiter etwa in der Ausländerbehörde.

 

In welchen Sektoren sind Startups bevorzugt tätig?

Wir haben in Deutschland immer noch den Ruf, dass wir uns nur an Low-Tech herantrauen und an E-Commerce. Dem kann man mittlerweile widersprechen. Im Verband haben wir 25 Arbeitskreise, die sich mit FinTech, Agrartechnologie, Energie, Digital Health oder SaaS beschäftigen. Wir bilden die gesamte Bandbreite ab. Auch die von Digitalministerin Dorothee Bär angestoßene Diskussion um Flugtaxis basiert auf zwei deutschen Startup-Unternehmen, Volocopter und Lilium, die Technologieführer auf dem Gebiet sind. Wir können also auch noch High-Tech.

 

Wie sieht es mit der Verwaltung aus, ist sie ein eigener Sektor für Startups?

Es gibt viele Startups, die B2B-Lösungen anbieten, Software entwickeln, um Prozesse zu optimieren, beispielsweise im Personalmanagement. Diese Lösungen, die sich vornehmlich an Industriekunden richten, wären natürlich auch in der Verwaltung anwendbar. Allerdings sind dort, mehr noch als in der Industrie, Beschaffung und Vergabe ein Problem. Schon in der Industrie herrscht eine Fort-Knox-Mentalität vor, mit festen Beschaffungsregeln, Vorgaben für Compliance und Datenschutz. Es gibt viele Stellen, die Innovation aus etablierten Unternehmen heraushalten wollen. Das ist für beide Seiten schwierig. Strenger als die Beschaffungsvorgaben der Industrie sind nur noch die Vergaberegeln der Verwaltung. Das macht es kompliziert für junge Unternehmen, Aufträge zu bekommen.

 

Welche Vorteile bringen Startups gegenüber traditionellen Unternehmen mit?

Es gilt als sicher, dass etablierte Firmen oder Entwickler nicht in der Lage sind, aus sich selbst heraus große Technologiesprünge zu vollziehen. Man spricht von Disruptionen. Firmen sind darauf getrimmt, Dinge evolutionär zu entwickeln und zu optimieren, aber es entsteht dadurch nichts Neues. Nach der Medici-Theorie finden disruptive Innovationen sogar außerhalb der Branche statt, die sie dann am Ende maßgeblich treffen werden. Das bedeutet, dass derjenige, der Innovationen finden möchte, außerhalb seiner „Festung" suchen muss.

Ein Beispiel ist der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr, wo eine Truppe von Unternehmen und Digitalexperten den Auftrag hat, Innovationen in die Bundeswehr hineinzutragen – außerhalb der üblichen Beschaffungswege mit eigenem Budget. Das hätte Vorbildcharakter auch für andere Behörden. Im Prinzip kann sich jeder Bürgermeister fragen, inwieweit man offen ist für innovative Angebote, die sich oft direkt vor der eigenen Haustür finden lassen.

 

Fehlertolerante Unternehmenskultur, Agilität, schnelle Reaktionsfähigkeit gelten als weitere Vorzüge von Startups...

Wir hatten dem Regierenden Bürgermeister von Berlin zur Abgeordnetenhauswahl empfohlen, er möge doch mal ein Startup gründen. So wie Barrack Obama das in den USA gemacht hatte, als er Digitalexperten aus dem Silicon Valley nach Washington holte mit dem Auftrag, die Verwaltung zu modernisieren. Denken wir mal zweieinhalb Jahre zurück, als in Berlin ein LaGeSo nicht in der Lage war, Wartenummern an Geflüchtete zu verteilen. Das Problem hätte jedes Startup innerhalb von 24 Stunden gelöst. Eine Verwaltung dagegen ist in ihren Strukturen offenbar nicht in der Lage, solche Problemlösungen schnell herbeizuführen.

 

Die Digitalisierung der Verwaltung in Deutschland vollzieht sich etwas schleppend. Wäre das nicht ein idealer Markt für Startups?

Es wäre ein attraktives Feld, aber dafür müssten sich Vergabeprozesse und ein Stück weit auch die Einstellung ändern. Stichwort: innovationsoffene und technologiefreie Vergabe. Ein Beispiel: Will man an einer Kreuzung eine neue Ampelanlage in der gewohnten Weise installieren? Oder lässt man Offenheit zu und hat am Ende eine Verkehrsregelung, die wir heute noch gar nicht kennen, eine völlig neue Lösung. Die Vergaberegularien lassen in der Regel wenig Raum für neue Marktteilnehmer.

 

Gibt es aktuelle Trends in der Startups Szene?

Wir haben Ende September den „Deutschen Startup-Monitor 2018" vorgestellt und dabei nach der Relevanz von neuen Technologien für die Geschäftsmodelle gefragt. Demnach spüren fast 60 Prozent der Startups einen klaren Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf ihr Geschäftsmodell.

 

Wo können sich Verwaltung und Startups begegnen und wie wichtig sind Wettbewerbe und Plattformen wie MyGovernment.de?

Diese Schaufenster sind durchaus wichtig, um die Idee in die Köpfe zu tragen, dass es neben etablierten Unternehmen auch noch etwas Neues am Markt gibt. Wir als Verband suchen den Schulterschluss mit anderen Verbänden wie dem VKU. Wir führen auch aktiv Matchmaking-Veranstaltungen durch und bringen Startups in Kontakt mit den Entscheidern, meistens aus der Privatwirtschaft, aber eben, wie im Fall des VKU, auch aus dem öffentlichen Sektor.

 

Das Interview führte Helmut Merschmann, Vitako