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Interner Umbau abgeschlossen

Dr. Alfred Kranstedt im Gespräch über die vielfältigen Aufgaben und Herausforderungen des Bundesrechenzentrums

Seit Juli 2017 leitet Dr. Alfred Kranstedt die Geschäfte des Informationstechnikzentrums Bund (ITZBund).

Herr Kranstedt, nicht jedem ist die Arbeit des Bundesrechenzentrums geläufig. Wo liegen die Zuständigkeiten des ITZBund?

Das ITZBund ist aus der IT-Konsolidierung des Bundes hervorgegangen, die vom Bundesinnenministerium koordiniert wird. Zusammen mit der BWI GmbH haben wir den Auftrag, die gesamte IT der Bundesverwaltung zentral zu konsolidieren und dauerhaft zu betreiben. Der Konsolidierungsprozess ist bis 2025 terminiert. Das ITZBund hatte nach seiner Gründung 2016 drei Jahre Zeit für den internen Umbau, der im Dezember 2018 planmäßig abgeschlossen wurde. Wir beschäftigen zurzeit knapp 3.000 Mitarbeiter an 12 Standorten bundesweit. Da wir die IT bis auf den Schreibtisch des Endnutzers betreuen, sind so viele Standorte von Vorteil. Allerdings betreiben wir unsere Rechenzentren bewusst zentral. Dort laufen im Moment etwa 15.000 Server-Instanzen. Unsere Kunden – mit insgesamt gut 95.000 betreuten Endgeräten – kommen hauptsächlich aus unseren drei Gründungsressorts, das sind das Finanz-, das Innen- und das Verkehrsministerium. Es kommen aber ständig neue Kunden hinzu.

 

Wie kommt die Pilotierung der E-Akte im Bundesforschungsministerium voran?

Wir haben die E-Akte bereits im Bundesamt für Justiz implementiert und kennen zudem das BMF sehr gut, da wir dort seit vielen Jahren die komplette IT erbringen. Das E-Akte-Projekt ist erfolgreich und genießt eine gute Reputation. Man muss allerdings wissen, dass dies im Wesentlichen ein Organisationsprojekt ist. Solche Organisationsprojekte sind stets sehr sensibel, da Änderungen bei den Arbeitsplätzen und der Registratur stattfinden. Die Umstellung auf E-Akte wird ausgesprochen kritisch von den Personalräten begleitet. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Das sorgt sofort für Unruhe.

 

Sind denn die Personalräte der Digitalisierung gegenüber aufgeschlossen?

Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Personalräten, die ja eben auch die Befindlichkeiten der Beschäftigten vertreten. An der Digitalisierung scheiden sich die Geister. Es gibt unter den Beschäftigten die „Jungen Wilden", denen alles nicht schnell genug geht. Und es gibt gefühlt die ältere Generation, die schon bei einem Betriebssystemwechsel vor großen Herausforderungen  steht. Dieses Spannungsverhältnis ist bei einer einheitlichen IT kaum abzudecken und führt bei solchen Projekten, wo Grundsysteme erneuert werden, immer zu schwierigen, teils emotionalen Diskussionen, die aber geführt werden müssen.

 

Wir haben lange nichts mehr von der Bundes-Cloud gehört.

Das ist im Prinzip gar nicht so schlecht. Denn die Bundes-Cloud ist längst im Einsatz und wird im erheblichen Maße genutzt, teils in ganz anderen Bereichen und für andere Zwecke als ich erwartet hatte. Nichtsdestotrotz befindet sich die Bundes-Cloud weiterhin im Aufbau und deckt erst einen Teil des avisierten Portfolios ab. Um sie nutzen zu können, müssen Behörden über die Netze des Bundes (NDB) darauf zugreifen können. Das ist eine Vorgabe des BSI und schränkt den Teilnehmerkreis etwas ein. Zukünftig soll aber eine zweite Instanz in einer Grundschutzzone aufgebaut werden, um Behördenteilnehmern Clouddienste anbieten zu können, die nicht an NdB angeschlossen sind und  für die kein sehr hohes Sicherheitsniveau notwendig ist.

 

Welche Dienste laufen denn momentan in der Cloud?

Das sind zum Beispiel strukturierte Speicher, Ablaufumgebungen, vorkonfektionierte Betriebssysteme bis hin zu Datenbanken. Vor allem die Betriebssysteme werden im Moment sehr intensiv als Test- oder Laborumgebungen genutzt. Man kann sich innerhalb von Stunden eine fertige Ablaufumgebung selbst zusammenstellen und dann Dinge testen. Teilweise werden die Systeme nur für einige Tage genutzt und dann wieder freigegeben. Wir arbeiten auch daran, das Portfolio der Plattformen und Betriebssysteme auszuweiten.

In diesem Jahr wollen wir auch containerbasierte Systeme auf der Basis von Docker und Kubernetes, also für Microservices geeignete Plattformen anbieten. Dieser Bereich ist sehr stark im Kommen und technisch anspruchsvoll. Auch sind wir in Verhandlung mit dem BMI, wir wollen Frameworks für Künstliche Intelligenz (KI) auf der Cloud abbilden.

 

An welche KI-Dienste denken Sie?

Für uns ist vor allem die Mustererkennung in großen Datenströmen relevant, beispielsweise bei Risikoanalysen für den Zoll. Es gibt einige Anwendungen, die auf der Basis solcher Analysen etwa im Hamburger Hafen Hinweise geben, welche Schiffscontainer geöffnet werden sollen. Ein klassische Anwendungsfall: Man hat große Datenmengen, kennt die Bewegungsdaten und sucht mit entsprechenden Algorithmen nach Auffälligkeiten. Auch im Bereich der IT-Sicherheit gibt es eine Menge interessanter Anwendungsfälle, wo wir gemeinsam mit dem BSI und anderen Sicherheitsbehörden überlegen, wie wir Datentraffic und große Mengen an Log-Daten nach Auffälligkeiten durchsuchen.

 

In welche Projekte ist das ITZBund beim Online-Zugangsgesetz (OZG) involviert?

Unsere Hauptaufgabe bleibt der Betrieb des Bundesportals, der Bundeskomponente im Portalverbund. Das Bundesportal wird in unseren Rechenzentren betrieben, und wir sind auch in die Entwicklung der Portalsoftware eingestiegen.

Ende letzten Jahres ist das Bundesinnenministerium an uns herangetreten mit dem Wunsch, dass wir auch für Schnittstellenaktivitäten zwischen den Portalen und den zu digitalisierenden Bundesverfahren zur Verfügung stehen. Die eigentliche Hoheit über diese Verfahren liegt bei den Verfahrenseignern in den verschiedenen Ressorts. Aber das BMI wünscht sich ein mit IT ausgestatteten Partner, der das Bundesportal kennt und dafür sorgt, dass die in den Ressorts entwickelten Verfahren auch technisch an das Portal koppelbar sind.

 

Vitako ist momentan stark mit digitaler Souveränität befasst. Ist das für Sie ein Thema?

Der Staat hat eine Schutzfunktion für die digitale Souveränität des Bürgers. Der Bürger verliert diese, wenn er, um bestimmte Leistungen zu beziehen, auf die Angebote aus der Industrie angewiesen ist. Über Jahrzehnte war das Ausweisdokument die zentrale Instanz. Der Staat garantiert dem Bürger seine Identität und weist sie durch ein Dokument aus. Das ist die Grundlage jeder Beziehung, auch jeder Wirtschaftsbeziehung in der analogen Welt. Man geht zur Bank, um ein Konto zu eröffnen, und weist sich durch den Personalausweis aus.

 

In der digitalen Welt hat es der Staat versäumt, diese Rolle einzunehmen. Der Bürger ist darauf angewiesen, sich digitale Identitäten bei dem zu besorgen, der sie ihm anbietet – und zu dessen Bedingungen, etwa bei Apple, Google und Paypal. Niemand fragt mich bei digitalen Geschäften nach meinem Personalausweis. Das ist ein Feld, wo der Staat den Bürger im Stich gelassen hat. Um hier eine hoheitliche Aufgabe wieder zu besetzen, müsste schnell gehandelt werden. Für mich hat digitale Souveränität viel mit digitalem Identitätsmanagement[HM1]  zu tun. Die IT-Dienstleister der Verwaltung könnten das technisch umsetzen, die Kompetenz ist vorhanden, doch es fehlt der steuernde Impuls und der politische Wille, das Thema aufzugreifen.

 

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Technologiepartnern wie Microsoft vor allem hinsichtlich der Cloud-Aktivitäten aus?

Wir gehen Partnerschaften mit nahezu allen großen Technologiepartnern ein. Dazu bringen wir mit  BwI, IT-Systemhaus der BA, Deutsche Rente und dem Beschaffungsamt ausreichend Volumen auf die Waage. Wir sind eng vernetzt im Bund, was das Auftreten gegenüber der Industrie angeht. Uns geht es natürlich darum, die Handlungsfähigkeit des Staates mit Blick auf die Cloudifizierung zu sichern. Bei den klassischen SOA-Anwendungen (Serviceorientierte Architektur) haben wird uns mit Oracle geeinigt. Mit SAP sind wir auf einem guten Wege, um künftig Anwendungen in einer Trusted-Bundes-Cloud laufen lassen zu können.

 

Der herausfordernste Partner ist Microsoft. Microsoft hat wie kein anderes Unternehmen eine sehr strikte Cloud-Strategie und seine gesamte Architektur darauf aufgebaut. Man muss zu einer Lösung mit Microsoft gelangen, wobei ich nicht glaube, dass man aus diesem Monopol aussteigen kann, ohne einen hohen Preis zu zahlen. Die Verwaltung ist eng mit externen Stakeholdern vernetzt und man würde eine enorm hohe Hürde bei der Interoperabilität von Dokumenten und Schnittstellen errichten, wenn man Betriebssysteme und Office-Anwendungen selbst entwickeln wollte. So wie ich die Verhandlungen beobachte, geht es schon lange nicht mehr um Prinzipien, sondern um Geld. Wenn man sich eine geschützte Verwaltungscloud für Deutschland von Microsoft bauen ließe, wie das gerade für China und für das amerikanische Verteidigungsministerium gemacht wird, wäre es enorm teuer und man müsste sich langfristig binden.

 

Wie stellt sich der Fachkräftemangel für Sie dar?

Das ist unser größtes strukturelles Problem. Denn es ist nicht nur die Industrie, die uns die Fachleute wegschnappt, sondern auch etliche Bundesbehörden, die massive Zulagen zahlen können. Das sind die großen Sicherheitsbehörden, das BSI, der Verfassungsschutz. Wir haben auf der einen Seite mit dem demografischen Wandel, auf der anderen Seite mit Personalfluktuation zu kämpfen,  obwohl ich schon besser aufgestellt bin als Länder und Kommunen. Ich habe fast ausschließlich Planstellen und kann jedem, der die Voraussetzungen erfüllt, auch zeitnah eine Verbeamtung anbieten, kann schnelle Beförderungsmöglichkeiten anbieten und volle Flexibilität über den Karriereweg, wenn jemand beispielsweise in Deutschland umziehen will – irgendwo ist immer einen Dienstsitz in der Nähe. Zurzeit habe ich 500 unbesetzte Planstellen. Und jedes Jahr wachsen wir um 200 bis 300 Planstellen. Wir investieren jetzt massiv in Ausbildung, haben eigene Studiengänge in Kooperation mit Hochschulen entwickelt. Nur was ich jetzt an Ausbildungskapazitäten schaffe, steht mir erst in frühestens drei, vier Jahren zur Verfügung. Insofern ist die Situation dramatisch für uns und ich rechne nicht damit, dass sie sich schnell entspannen wird.

 

Das Interview führten: Dr. Ralf Resch, Dr. Helmut Merschmann - Vitako